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Liebe auf Abstand: Warum „Living Apart Together“ kein Kompromiss, sondern eine beglückende Beziehungsform sein kann

Das klassische Beziehungsnarrativ folgt seit Generationen einem festen Drehbuch: Kennenlernen, Verlieben, Zusammenziehen, Heiraten, Familie gründen. Doch dieses Schema F gerät in einer individualisierten Gesellschaft zunehmend ins Wanken. Immer mehr Paare entscheiden sich für ein Beziehungsmodell, das auf den ersten Blick wie ein Widerspruch in sich wirkt: „Living Apart Together (LAT)“ – eine feste, verbindliche Partnerschaft, aber in getrennten Wohnungen.

 

Ich wurde für den ORF-Beitrag „Liebe auf Abstand – Kann Distanz Beziehungen stärken?“ darum gebeten, diese Beziehungsform aus meiner Perspektive als Psychotherapeutin und Paartherapeutin zu betrachten. 

 


Den gesamten Beitrag sehen Sie hier: 

Doch was steckt eigentlich hinter dem Wunsch nach getrennten Wänden? Handelt es sich um eine moderne Form der Beziehungsflucht oder um eine reife Antwort auf das ewige Dilemma zwischen Bindung und Autonomie?

Die Psychologie hinter der Distanz: Das Autonomie-Nähe-Dilemma

Aus paartherapeutischer Sicht beruht jede funktionierende Liebesbeziehung auf der Ausbalancierung zweier grundlegender menschlicher Bedürfnisse: dem Wunsch nach Einfluss, Autonomie und Selbstbestimmung einerseits und dem Sehnen nach Sicherheit, Geborgenheit und Verschmelzung bzw. Nähe andererseits. Werden beide Partner:innen in einer gemeinsamen Wohnung zusammengeworfen, droht nicht selten eine schleichende Symbiose. Der Beziehungsalltag wird von pragmatischen Abläufen dominiert: Wer kauft ein? Wer bringt den Müll raus? Wer putzt das Bad? Es kommt zum Phänomen der Abnutzung durch Alltagspragmatismus. 

 

Im ORF-Interview führe ich aus, weshalb die Balance insbesondere bei Frauen in partnerschaftlichen Wohnsituationen oft in Schieflage gerät und wie das LAT-Modell dem entgegenwirkt. Ich mache in meiner Praxis nämlich eine zentrale geschlechtsspezifische Beobachtung, die ich auch im Beitrag erörtere: Es sind überwiegend Frauen, die den Wunsch nach getrennten Wohnsitzen artikulieren.

Doch welche Dynamiken treiben diese Entwicklung an? Warum schützt die räumliche Distanz nicht nur das weibliche Selbstverständnis, sondern letztlich auch das Paar als Ganzes?

 

  • Frauen laufen beim Zusammenziehen nach wie vor Gefahr, in tradierte Geschlechterrollen zurückzufallen. Selbst in modernen Beziehungen übernehmen Frauen im gemeinsamen Haushalt meist den Bärenanteil der unbezahlten Care-Arbeit und des sogenannten Mental Load. Das Leben in getrennten Wohnungen schützt Frauen davor, unbeabsichtigt in eine Versorgungs- oder Mutterrolle für einen Partner zu rutschen.
  • Aus psychotherapeutischer Sicht hebe ich hervor, wie essenziell ein eigener, ungestörter Rückzugsraum für die weibliche Identitätsbewahrung ist. Die eigene Wohnung fungiert als Schutzraum, in dem Ordnungsvorstellungen, Ästhetik und Alltagsroutinen nicht ständig verhandelt oder verteidigt werden müssen. Die Frau behält die volle Regie über ihr Territorium, wohingegen in Wohngemeinschaften meist nur der männliche Part über Rückzugsmöglichkeiten wie Hobbyräume etc. verfügt.
  • Banal wirkende Alltagskonflikte um Ordnung und Sauberkeit zermürben Paare schleichend. Solche Mikrokrisen untergraben den Respekt voreinander. Wenn der:die Partner:in nur noch als unordentliche:r Mitbewohner:in wahrgenommen wird, erlischt das Begehren. Die Trennung der Haushalte schmälert diese Konfliktpunkte.
  • Beim Zusammenwohnen verkommt das Zusammensein oft zu einem passiven Nebeneinander-Existieren. Der ORF-Beitrag zeichnet nach, dass LAT-Paare sich bewusst verabreden müssen. Das Treffen wird zu einer gewollten Entscheidung und Einladung, was die gegenseitige Wertschätzung und emotionale Intensität dramatisch erhöht.
  • Schließlich ist zu betonen, dass Partner:innen in getrennten Wohnungen schlechte Laune, Frustration oder Überforderung zunächst bei sich selbst verarbeiten müssen, anstatt sie unreflektiert am Gegenüber abzuladen. Dies fördert eine reifere Affektregulation.

 

„Eine andere Möglichkeit wäre ‚LTA – Living Together Apart‘: Wir bleiben zusammen und leben bewusst in einer Eltern- bzw. Familien-WG.“

 

Michaela Legl-Bruckdorf im ORF-Beitrag

Die Dynamiken von LAT-Beziehungen

Das Modell „Living Apart Together“ kann Alltagsdichte aufheben und einen Raum der Distanz schaffen, der die Grundvoraussetzung für Beziehungsdynamik und Begehren bildet. Die Dynamiken von LAT-Beziehungen lassen sich hierbei in folgende Kernpunkte zusammenfassen:

 

1. Entlastung vom alltäglichen Mikroklima

Das Leben in getrennten Haushalten schützt Paare vor den typischen Reibungsflächen des Beziehungsalltags. Banal wirkende Konflikte – wie unterschiedliche Ordnungsvorstellungen oder Haushaltsroutinen – entfallen. Dadurch wird die Beziehung von einer erheblichen emotionalen Last befreit, was insbesondere das Phänomen des Mental Load (der ungleichen Verteilung der Alltagsorganisation) reduziert.

 

2. Die Verwandlung von Gewohnheit in Qualitätszeit

Es kommt (wieder) zu einer bewusste(re)n Gestaltung von Nähe. Während Zusammenwohnende oft nebeneinander herleben („nebeneinander existieren“ statt „miteinander sein“), erfordert LAT eine aktive Entscheidung für das Treffen. Das Wiedersehen erhält dadurch einen Event-Charakter, die gegenseitige Wertschätzung steigt und die Partnerschaft wird intensiviert.

 

3. Voraussetzung: Hohe emotionale Reife und Vertrauen

Beiden Partner:innen muss bewusst sein, dass LAT keineswegs ein „einfacher Weg“ ist. Es erfordert von beiden eine ausgeprägte Bindungssicherheit. Wer unter starker Verlustangst oder Kontrollbedürfnissen leidet, wird in einer LAT-Beziehung schnell an seine Grenzen stoßen. Ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen sowie transparente Kommunikation bilden das unumgängliche Fundament.

 

4. Gefahr des Vermeidungsverhaltens abklären

 

Als Psychotherapeutin mahne ich zur ehrlichen Selbstreflexion: LAT darf nicht als Ausweichmanöver oder als Schutzschild vor echter Intimität genutzt werden. Handelt es sich um eine bewusste, beidseitig gewollte Lebensform zur Entfaltung von Autonomie – oder um ein unbewusstes Vermeidungsverhalten (Bindungsangst), um sich nicht voll und ganz auf den anderen einlassen zu müssen?

Was die Forschung zu LAT sagt

Die norwegische Soziologin Irene Levin prägte das wissenschaftliche Konzept von Living Apart Together. Sie wies nach, dass LAT keineswegs nur eine Übergangsphase für junge Erwachsene ist, sondern eine eigenständige, finale Beziehungsform, die vor allem von Personen in der zweiten Lebenshälfte (nach Scheidungen oder mit erwachsenen Kindern) gewählt wird. Auch die Daten des Statistischen Bundesamtes sowie von Statistik Austria zeigen, dass schätzungsweise 10 bis 13 Prozent der nicht-ehelichen Partnerschaften in Westeuropa das Modell LAT praktizieren. Der Anteil steigt kontinuierlich, insbesondere in urbanen Räumen und bei akademisch gebildeten Paaren. Mehrere Studien belegen zudem, dass die Zufriedenheit in LAT-Beziehungen hinsichtlich Autonomie und Erotik oft höher liegt als bei Partner:innen, die zusammenwohnen. Allerdings erfordert das Modell eine höhere finanzielle Ressource, da zwei Haushalte finanziert werden müssen, worauf ich im ORF-Beitrag ebenso hinweise und was auch die Salzburger Anthropologin Julia Stockinger betont, die ebenso im ORF-Beitrag zu Wort kommt und sich in ihrer Masterarbeit eingehend mit diesem Thema auseinandergesetzt hat. Ihren Erkenntnissen zufolge setzt das Führen getrennter Haushalte eine entsprechende ökonomische Grundlage voraus, weshalb Stockinger eine Zunahme dieser Beziehungsform mit wachsender finanzieller Unabhängigkeit von Frauen prognostiziert. Als wesentlichen Vorteil dieser Lebensweise identifiziert sie im Rahmen der Interviews, die sie mit Personen aus LAT-Beziehungen geführt hat, die Aufwertung alltäglicher gemeinsamer Momente, die durch die räumliche Trennung wieder an Besonderheit gewinnen.

Wann passt „Living Apart Together“ – und wann nicht?

Aus der paartherapeutischen Praxis lässt sich ableiten, für wen dieses Modell eine Bereicherung darstellt und wo die Fallstricke liegen können.

 

Positive Indikatoren für LAT

Risikofaktoren/Kontraindikationen

Beidseitiger Wunsch nach ausgeprägter Autonomie und Eigenraum

Ungleiche Bedürfnisse (einer möchte zusammenziehen, der andere bremst)

Starker beruflicher Fokus oder unterschiedliche Lebensrhythmen

Ausgeprägte Eifersucht oder fehlendes Grundvertrauen

Hohes Maß an Bindungssicherheit und Selbstwertgefühl

Nutzung von LAT als schleichende Trennung auf Raten

Bereits gefestigte Identität außerhalb der Partnerschaft

Zweckgemeinschaft aus Angst vor endgültiger Festlegung

Die Zukunftsfähigkeit getrennter Wände

„Living Apart Together“ ist jedenfalls kein Notbehelf oder Beziehungsstatus zweiter Klasse mehr. Dieses Modell bietet die Chance, Partnerschaft neu zu konfigurieren: weg von der gesellschaftlich diktierten Norm des Zusammenwohnens, hin zu einer maßgeschneiderten Beziehungsarchitektur.

 

 

Wer in der Lage ist, die Balance zwischen emotionaler Verlässlichkeit und räumlicher Freiheit zu halten, könnte in LAT ein wirksames Werkzeug gegen die negativen Auswirkungen des Beziehungsalltags finden. Denn manchmal muss man sich erst den Raum geben, sich zu vermissen, um sich wirklich begegnen zu können.


Quellen und Referenzen

Asendorpf, J. B. (2008): Living apart together: Eine eigenständige Lebensform? DIW Berlin, SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research, Research Notes, 78. Online: https://www.diw.de/documents/publikationen/73/78210/diw_sp0078.pdf [zul. abger. am 27.07.2026]

 

Levin, I. (2004): Living Apart Together: A New Family Form. Current Sociology, 52(2), 223–240. Online: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/0011392104041809 [zul. abger. am 27.07.2026]

 

Rüger, H., Naderi, R. (2025): Bilokale Paarbeziehungen in Deutschland – Häufigkeit, Gründe und Zufriedenheit. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Online: https://www.bib.bund.de/Publikation/2025/pdf/BiB-Aktuell-9-2025.pdf?__blob=publicationFile&v=4 [zul. abger. am 27.07.2026]

 

Noyon, A., & Kock, T. (2006): Living apart together: Ein Vergleich getrennt wohnender Paare mit klassischen Partnerschaften. Zeitschrift für Familienforschung, 18 (2006) 1, S. 27–45. Online: https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/5783 [zul. abger. am 27.07.2026]

 

 

ORF-Beitrag (2026): Liebe auf Abstand: Kann Distanz Beziehungen stärken? Sendung „Thema“, ORF ON/Joyn (Expertinneninterview mit Michaela Legl-Bruckdorf). Online: https://on.orf.at/video/14332162/16125139/liebe-auf-abstand-kann-distanz-beziehungen-staerken [zul. abger. am 27.07.2026]

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Michaela Legl-Bruckdorf, B.A., MSc

Psychotherapeutin 

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